Übersichtsarbeit der Universität Neuenburg zeigt: Nicht-ionisierende Strahlung schädigt Insekten

Medienmitteilung: Verein Schutz-vor-Strahlung – 16jan2023

Die Auswertung von 164 Studienergebnissen an Gliederfüsslern (v.a. Insekten) zeigt deutlich....
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Zürich, 16. Januar 2023 Die Auswertung von 164 Studienergebnissen an Gliederfüsslern (v.a. Insekten) zeigt deutlich: Die schädliche Wirkung von nicht-ionisierender Strahlung auf Insekten gilt als nachgewiesen. Zur nicht-ionisierenden Strahlung gehören unter anderem Mobilfunkstrahlung sowie die Strahlung von Hochspannungsleitungen. Besonders der massive Ausbau des Mobilfunknetzes auf 5G ist eine ernstzunehmende Gefahr für unsere Ökosysteme und würde zum Insektensterben beitragen.

Experten der Universität Neuenburg erstellten im Auftrag des Bundesamts für Umwelt eine Übersicht der bisherigen Forschungsresultate zu den Auswirkungen von nicht-ionisierender Strahlung (NIS oder NI-Strahlung) [1] auf Insekten, Spinnen und andere Gliederfüssler (Arthropoden). Von den 164 Studienergebnissen lieferten 132 negative Effekte, das entspricht 80% aller Ergebnisse. Da die Ergebnisse untereinander zu grossen Teilen übereinstimmen, besteht eine grosse Wahrscheinlichkeit, dass die festgestellten Effekte in der Realität auch tatsächlich auftreten.

Gravierende Auswirkungen von NI-Strahlung auf Insekten

Es ist das erste Mal, dass Wissenschaftler die bisher publizierte Studienlage zu den Auswirkungen von NI-Strahlung auf Gliederfüssler systematisch nach international anerkannten und bewährten Methoden untersuchen und bewerten. Diese systematische Übersicht ist von hoher Qualität: Die Bewertungen der einzelnen Studien sind transparent und nachvollziehbar.

In den untersuchten Studien wurden Gliederfüssler unterschiedlichen NI-Strahlungsquellen ausgesetzt und auf biologisch relevante Folgen untersucht. Die NI-Strahlung dringt in den Körper der Tiere ein und löst dort Prozesse aus, in vielen Fällen mit Folgen auf die Fortpflanzung, die Fortbewegung, das Verhalten, die Nahrungssuche und die DNA, d.h. des Erbguts. Zum Tierstamm der Gliederfüssler (Arthropoden) zählen Insekten, Spinnen, Tausendfüssler und Käfer. Die ungefähr eine Million Arten dieses Stammes sind ein wesentlicher Bestandteil vieler Nahrungsketten und spielen in unseren Ökosystemen eine bedeutende Rolle.

Schäden bei heute vorkommenden Strahlenbelastungen nachgewiesen

Die in den Studien eingesetzte NI-Strahlung umfasst die Abstrahlung von Stromkabeln, Smartmetern (0Hz – 100 kHz), Mobilfunksendern, WLAN sowie jene von anderen technischen Geräten (100 KHz – 6 GHz). Insgesamt zwölf Studien sind der Auswirkung von Millimeterwellen gewidmet (zukünftiges 5G, Radar 6 GHz – 300 GHz).

Die untersuchten Gliederfüssler wurden mit elektrischen Feldstärken von unter 5 V/m bis zu über 100 V/m bestrahlt. Bei allen Strahlungsintensitäten traten negative Gesundheitseffekte auf.

Zurzeit geht man davon aus, dass Schädigungen beim Menschen erst bei einer Überschreitung der Immissionsgrenzwerte eintreten. Diese liegen je nach Frequenz zwischen 32 V/m und 61 V/m. Zum Schutz von Insekten und anderen freilebenden Tieren jedoch gibt es in der Schweiz keine Grenzwerte! Dies ist höchst problematisch, weil die Strahlung in den Lebensräumen von Fluginsekten wie Bienen, Schmetterlingen und Hummeln, aber auch von Ameisen und Käfern bis zu 100 V/m betragen kann, Schäden aber bereits bei weniger als 5 V/m auftreten. Dies kann gravierende Folgen für Insekten und deren Nachkommen ebenso wie für alle insektenfressenden Vögel und andere Insektenfresser haben.

Die Autoren kommen zum Schluss: «Unsere Übersicht zeigt klar auf, dass Evidenz für die Wirkung von NIS auf Arthropoden bis zu 6 GHz bei gutem Verlässlichkeitsgrad auf die Fortpflanzung, Fortbewegung, Verhalten, Nahrungssuche und DNA-Schädigung vorliegt.» Einige Beispiele:

  • Fortpflanzung: Eine Studie kam zum Schluss, dass 44% weniger Bienen-Königinnen schlüpften, nachdem die Eier einer NI-Strahlung von weniger als 5 V/m ausgesetzt wurden.
  • Verhalten: 28 von 33 Studien berichten über Verhaltensänderungen, wie etwa die Veränderung im Rhythmus des Schwänzeltanzes von Bienen. Mit dem Schwänzeltanz zeigen Bienen ihren Artgenossinnen im Bienenstock den Weg zu Standorten von nektar-reichen Blüten. Verstehen die Bienen die Wegbeschreibung ihrer Artgenossinnen falsch, beeinträchtigt dies den Ertrag der Futtersuche, was Nahrungsmangel zur Folge haben wird.
  • Nahrungssuche: Ameisen, die einem Strahlungsfeld im Bereich der Mobilfunkfrequenzen ausgesetzt waren, fanden nicht mehr zu ihrer Nahrungsquelle zurück. Das berichtet eine weitere Studie.
  • DNA-Schädigung: In mehreren Studien wurden Veränderungen in der Brut, den Puppen und Eiern von Insekten festgestellt, die auch Mutationen (Veränderungen des Erbguts) und Schädigungen von Honigbienenlarven umfassen.

Studien zu 5G lassen noch Schlimmeres erahnen

Die neuste Mobilfunkgeneration 5G ist in zwei Einführungs-Etappen geplant. In einem ersten Schritt kommen aktuell neue adaptive Antennen im Frequenzbereich 3’600 MHz zum Einsatz. Der zweite Ausbauschritt soll zudem Millimeterwellen im Bereich von über ca. 25’000 MHz (=25 GHz) umfassen. Für beide 5G-Frequenzbereiche gibt es derzeit nur äusserst spärliche Untersuchungen, so dass keine Aussage zur Schädlichkeit gemacht werden kann. Eine Modellstudie zeigte allerdings, dass Insekten diese neuen Frequenzen sehr viel stärker absorbieren, was auf grössere Wirkung schliessen lässt.

Die Autoren der Universität Neuenburg ziehen in Betracht, dass die NI-Strahlung zusammen mit anderen schädlichen Umwelteinflüssen wie Klimaerwärmung und Pestiziden zum lokalen Aussterben einzelner Arten führen und das «Insektensterben» verstärken kann.

Eine im Auftrag des BAKOM erstellte Simulationsstudie der It’is Foundation stellte fest, dass ein flächendeckendes 5G-Netz drei Mal mehr Antennen als heute benötigt! Dadurch würden sehr viel mehr Orte mit maximaler Mobilfunkstrahlung belastet als bisher. Die Strahlenbelastung würde in Städten und Dörfern grossflächig zunehmen, ebenso entlang von Eisenbahnstrecken, die durch Naturlandschaften und Wälder führen. Angesichts der äusserst besorgniserregenden Erkenntnisse der Autoren der Universität Neuenburg ist die Einführung von 5G, mit sehr viel stärkeren Antennen und höheren Frequenzen, aus der Sicht des Vereins Schutz vor Strahlung ein inakzeptabler Lebendversuch an unseren sensiblen Ökosystemen. Die Autoren schreiben: «Sollten sich die Wirkungen von NIS als gross und weit verbreitet erweisen, müssten wir mit einem Verlust an Biodiversität und einer Störung der Ökosysteme rechnen».

Verein Schutz vor Strahlung fordert Konzept zur Reduktion der NI-Strahlung

Der Verein Schutz vor Strahlung ist schockiert über die Ergebnisse der Übersichts-Studie. Der Artikel 1 des Umweltschutzgesetzes schreibt vor, dass Menschen, Tiere und Pflanzen, ihre Lebensgemeinschaften und Lebensräume gegen schädliche oder lästige Einwirkungen geschützt werden müssen, sowie die biologische Vielfalt dauerhaft erhalten werden muss. Es braucht dringend ein langfristiges Konzept, um die derzeit hohe Strahlenbelastung in der Schweiz deutlich zu reduzieren. Der 5G-Ausbau ist sofort zu stoppen und der Bau neuer Hochspannungsleitungen zu unterlassen!

[1] in die Übersichtsstudie wurden Ergebnisse zu statischen Magnetfeldern und elektromagnetischen Feldern (EMF) mit Frequenzen zwischen 0 Hz und 300 GHz einbezogen.

Medienkontakt Verein Schutz vor Strahlung
Rebekka Meier, Präsidentin
rebekka.meier(@)schutz-vor-strahlung.ch
032 652 61 61

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Quellenangaben PDF – Studie «Wirkung von nichtionisierender Strahlung (NIS) auf Arthropoden», Universität Neuchâtel im Auftrag des BAFU

Source – Schutz-vor-Strahlung.ch – Übersichtsarbeit der Universität Neuenburg zeigt: Nicht-ionisierende Strahlung schädigt Insekten