Nach Intervention des Bundes.
Tickets im ÖV müssen auch in Zukunft «spontan analog» gekauft werden können
Das Bundesamt für Verkehr verpflichtet alle Transportunternehmen, auch künftig Billette gegen bar- oder Kartenzahlung anzubieten. Bis Ende 2028 muss Reisen ohne Smartphone überall möglich sein.
DerBund – Simon Angelo Meier – 24july2026.

Die Schweizer ÖV-Branche wollte bis 2035 die Ticketbezahlung vollständig digitalisieren. Dies kommunizierte die Alliance Swiss Pass bereits im Dezember 2022.
Die Reaktionen waren heftig. Die Schweizer ÖV-Unternehmen, die fast alle öffentliche Subventionen beziehen, seien verpflichtet, Personen, die keine digitalen Zahlungsmittel verwenden wollen oder können, nicht zu marginalisieren, monierten Kritikerinnen und Kritiker. Dennoch schreitet die Digitalisierung im öffentlichen Verkehr weiter voran. Die BLS ersetzt seit vergangenem Dezember bis Mitte des aktuellen Jahres alle Ticketautomaten durch bargeldlose Geräte.
Nun aber hat das Bundesamt für Verkehr (BAV) eine Kehrtwende in der Digitalisierungsstrategie vollzogen: In einem Schreiben an die Branchenorganisation Alliance SwissPass verpflichtet es alle Schweizer Transportunternehmen, auch künftig Kundinnen und Kunden ohne Smartphone eine analoge Alternative für den Ticketkauf anzubieten, wie die «NZZ» zuerst berichtete. Unverhältnismässige Mehrkosten – etwa hohe Servicezuschläge für analoge Tickets – sind den Unternehmen zudem untersagt.
Spontane analoge Ticketkäufe müssen bis Ende 2028 möglich sein
Die schrittweise Ausdünnung analoger Verkaufsstellen hat gemäss dem BAV zu mehr aufsichtsrechtlichen Anzeigen geführt. Darum will der Bund, dass der nicht digitale Ticketerwerb zumindest «halbspontan oder vorbereitet spontan» möglich bleibt: Reisende sollen ein analoges Billett bis spätestens 30 Minuten vor Fahrtantritt kaufen können. Bis Ende 2028 müssen die ÖV-Unternehmen zudem sicherstellen, dass spontanes analoges Reisen nach wie vor möglich ist. Dafür sollen bestehende Ticket-Entwerter für Mehrfahrtenkarten oder gleichwertige Alternativen in Betrieb bleiben.
Zudem dürfen an stark frequentierten Umsteigebahnhöfen analoge Ticketautomaten nicht verschwinden. Sie sind so zu betreiben, dass auch Billette für eine spätere Fahrt bezogen werden können.
Eine Bargeldpflicht führt der Bund indes nicht ein. Weder am Automaten noch beim Personal müssen Billette zwingend bar bezahlt werden können. Reine Lösungen, die nur mit personalisierten Debit- oder Kreditkarten funktionieren, akzeptiert das BAV jedoch nicht. Als ausreichende Alternative gilt die von der Branche Ende vergangenen Jahres eingeführte Prepaid-Karte – unter der Bedingung, dass Kundinnen und Kunden diese an Schaltern und weiteren Verkaufsstellen bar kaufen und aufladen können.
Anti-Diskriminierungsinitiative gegen nur digitale Tickets in Graubünden
In Graubünden wehrt sich die Rentnerin Berta Caminada schon länger gegen die vollständige Digitalisierung beim Ticketkauf. Zusammen mit Mitstreitenden hat sie im Juni nun die kantonale «Anti-Diskriminierungsinitiative» lanciert. Sie verlangt, dass bei allen staatlich mitfinanzierten Dienstleistungen – vom öffentlichen Verkehr bis zu Parkplätzen und Toiletten – Barzahlung möglich bleiben soll. Für das Zustandekommen der Initiative braucht es 4000 Unterschriften innerhalb eines Jahres.
Dass die Digitalisierung des Ticketverkaufs besonders auf der kantonalen Ebene stark politisiert, zeigt sich bei den bargeldlosen Ticketautomaten der BLS: Die Kantone Luzern und Neuenburg hatten im Gegensatz zum Berner Regierungsrat bei der BLS ihr Veto gegen die Umrüstung eingelegt. Deshalb kann an den BLS-Automaten in den beiden Kantonen auch künftig mit Bargeld bezahlt werden.
Simon Angelo Meier ist seit 2023 Redaktor am Newsdesk von Tamedia.
Source – DerBund – Tickets im ÖV müssen auch in Zukunft «spontan analog» gekauft werden können
Extract — Der Verband Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz (AefU) kritisiert die Umstellung trotz der Einsparungen scharf: 55 Prozent der Kosten von insgesamt 13,7 Milliarden Franken im öffentlichen Verkehr würden vom Bund und den Kantonen übernommen, schreibt der Ärzteverband in seiner Dezemberausgabe. Es sei darum nicht gerechtfertigt, die Wünsche und Bedürfnisse von Personen, die keine digitalen Zahlungsmittel verwenden wollten, zu ignorieren. – Fahrgäste ohne Bargeld bleiben auf der Strecke

Anti-Diskriminierungsinitiative
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