Der Verein Schutz vor Satellitenstrahlung Region Leuk kämpft gegen die 40 geplanten Starlink-Antennen. Nun soll der Kanton ein umfassendes Fachgutachten liefern.
Nathalie Benelli Publiziert: 16aug2026 Walliser Bote.

Version française au format PDF
Die Sommerhitze dringt bis ins Sprechzimmer von Dr. med. Hanna Schnyder Etienne in Leuk ein. Doch davon lassen sich weder Hanna Schnyder-Etienne noch ihr ehemaliger Praxiskollege Roman Kuonen sowie die Gesundheitsfachfrau Yvonne Schmidt abhalten, engagiert über ihren Kampf gegen die Installation von 40 Starlink-Antennen zu sprechen. Vor ihnen stapeln sich technische Skizzen, Frequenzdiagramme und juristische Schriftsätze. Wo sonst Patientengespräche den Alltag prägen, geht es seit Sommer 2025 auch um Millimeterwellen, Abstrahlwinkel und globale Unternehmensmacht.
Roman Kuonen und Hanna Schnyder-Etienne bilden das Co-Präsidium, Yvonne Schmidt ist Vorstandsmitglied des Vereins Schutz vor Satellitenstrahlung Region Leuk. Ihr Gegner ist kein Geringerer als Elon Musks Luft- und Raumfahrtgigant SpaceX. Das Ziel des Konzerns: In Leuk soll die grösste Starlink-Bodenstation Europas entstehen – mit 40 Hightech-Starlink-Antennen. «Wir wissen zu wenig, um einfach grünes Licht zu geben», bringt es Hanna Schnyder-Etienne auf den Punkt.
«Je mehr wir in die Materie hineinsehen, desto mehr wissen wir, dass das in dieser Form nicht gebaut werden darf.» Es sei zwingend nötig, zuerst über die Strahlenbelastung zu forschen, bevor gebaut werde.
Dabei beruht die Haltung des Vereinsvorstands keineswegs auf lauter Panikmache oder einer pauschalen Verweigerungshaltung gegen Fortschritt. Der Impuls entspringt einer tiefen medizinischen und naturwissenschaftlichen Verantwortung. Es geht um simple, aber fundamentale Fragen: Was wissen wir tatsächlich über die kurz- und langfristigen Auswirkungen dieser neuartigen Hochfrequenztechnologie – und was wird uns verschwiegen?
Die geplanten 40 Starlink-Antennen unterscheiden sich drastisch von herkömmlichen Mobilfunkmasten oder geostationären Satelliten-Antennen. Die Starlink-Antennen nutzen sehr hohe Frequenzbereiche, Millimeterwellen bei 25 bis 30 Gigahertz, und senden mit immens hoher Leistung. Zudem verfolgen die beweglichen Schüsseln pausenlos vorbeiziehende Satelliten im All. Genau hier ist die Kernkritik des Vereins verankert: Während offizielle Stellen und laufende Studien, wie die der Forschungsstiftung Strom und Mobilkommunikation (FSM), hauptsächlich den Downlink, also die Strahlung vom Satelliten zur Erde, untersuchen, wird das Hauptrisiko ignoriert. Die reale Gefahr liege im Uplink, dem Signal, das von Leuk mit enormer Energie in den Himmel gejagt wird, sind sich die drei einig.
Roman Kuonen sagt: «Durch die Hanglage der Walliser Berge strahlen die Antennen in Abstrahlwinkeln ab 20 Grad über dem Horizont direkt in umliegende Dörfer wie Guttet.» Es würden zwar Berechnungen für eine Antenne existieren, nicht aber für das Zusammenwirken aller 40 Antennen. «Ohne exakte Messungen vor Ort werden die Bewohnerinnen und Bewohner schlicht zu Versuchskaninchen gemacht», warnt Hanna Schnyder-Etienne
Wie das Baugesuch eines Hühnerstalls»
Die Vorstandsmitglieder zeigen Unverständnis, wenn die Sprache auf den bürokratischen Ablauf kommt. Nachdem im Juni 2025 die Baupläne bekannt wurden, unterschrieben in kürzester Zeit über 270 besorgte Bürger und Bürgerinnen, nicht nur der Gemeinde Leuk, den Appell der neu gegründeten Interessenvereinigung «40 neue Satellitenantennen: NEIN, so nicht» und schlossen sich der Einsprache mit Eingabe Ende Juni 2025 an. Aus der IG wurde Anfang November 2025 der Verein Schutz vor Satellitenstrahlung Region Leuk gegründet. Doch Ende November 2025 winkte die Gemeinde Leuk das Baugesuch durch, trotz so viel Nichtwissen um die gesundheitlichen Folgen und Fehlen von wichtigen technischen Informationen. Die Begründung: Das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) habe bereits eine Versuchskonzession für ein Jahr erteilt, die kantonalen Stellen seien eher positiv eingestellt.
Weder die gesundheitlichen Einwände der Ärzte noch die Umweltgesetzgebung wurden substanziell erwogen. Schnyder-Etienne kann diese Gleichgültigkeit nicht verstehen:
«Es kann doch nicht sein, dass eine Gemeinde ein solches Megaprojekt gleich behandelt wie das Baugesuch für ein Einfamilienhaus oder einen Hühnerstall!»
Kuonen ergänzt: «Projekte dieser Tragweite überfordern Gemeinden masslos. Sie müssten nach schweizweit einheitlichen Kriterien auf Bundesebene beurteilt werden.»
Geschwärzte Akten und späte Einsichten
Umso entschlossener zog der Verein im Dezember 2025 vor den Walliser Staatsrat und legte Beschwerde gegen die Baubewilligung ein. Was folgte, liest sich wie ein Realsatire-Krimi: Erst einen Tag vor Ablauf der Beschwerdefrist erhielt der Verein Einsicht in den technischen Bericht der Firma SpaceX in deutscher Übersetzung. Die Tabelle über unbeabsichtigte Strahlung war aber zu einem Drittel geschwärzt. «Das verunmöglicht eine Interpretation», so Kuonen.
Die Frage stellt sich nun: Hat das Bakom trotz geschwärzter Tabelle eine Versuchskonzession erteilt? «Wir fragen uns, was hier vertuscht oder verborgen werden soll», so Hanna Schnyder-Etienne.
Im Rahmen des juristischen Verfahrens bekam der Verein das Recht auf eine Stellungnahme und Akteneinsicht.
«Dabei fanden wir im Mai 2026 die ungeschwärzte englische Version der besagten Tabelle. Gemäss unserem Strahlenschutzexperten besteht weiterhin kein brauchbares Antennendiagramm zur Beurteilung der Strahlenbelastung», sagt Kuonen.
Die Ärzte und die Gesundheitsfachfrau am Tisch verweisen auf wissenschaftliche Realitäten: Eine umfassende WHO-Übersichtsstudie von 2025 zeigt deutliche Evidenz dafür, dass Mobilfunkstrahlung im Tierversuch krebserregend wirken kann – und das sogar unterhalb der Schweizer Grenzwerte. Die EU-Kommission rief Mitgliedsstaaten dazu auf, Strahlenbelastungen vorsorglich so niedrig wie möglich zu halten. «Da macht man sich doch Gedanken, wie sich die noch viel höheren Frequenzbereiche der Starlink-Antennen auf die Menschen auswirken», sagt Schnyder-Etienne.
Besonders besorgt zeigt sich Yvonne Schmidt auch um die Ökologie des nahen Naturparks Pfyn-Finges: «Studien belegen, dass Orientierungssinn und Gesundheit von Insekten und Zugvögeln durch Hochfrequenzstrahlung geschädigt werden, da diese das Erdmagnetfeld verzerre. Zugvögel orientieren sich auf ihrem Flug nach dem Erdmagnetfeld.» In einem der artenreichsten Schutzgebiete der Schweiz sei das fahrlässig.
«Late lessons from early warnings», meint Schnyder-Etienne nachdenklich. «Müssen erst Schäden eintreffen, bevor man den Mut hat, genauer hinzuschauen?»
Für Hanna Schnyder-Etienne ist es zwingend, sich auch mit dem Gedankengut von Elon Musks Unternehmen auseinanderzusetzen. Wenn man Elon Musks Pläne für SpaceX und Starlink zusammennehme, gehe es langfristig um deutlich mehr als nur um schnelles Internet über Satellit. Das Starlink-Internet sei gewissermassen die erste wirtschaftlich nutzbare Schicht eines viel grösseren Projekts: eine Infrastruktur, mit der Musk die Raumfahrt industrialisieren und das Weltall beherrschen und letztlich eine Zivilisation ausserhalb der Erde auf dem Mars ermöglichen wolle. Nicht nur Haushalte, sondern Autos, Schiffe, Flugzeuge, Mobiltelefone, loT-Geräte, Unternehmen und staatliche Nutzer können angeschlossen werden. So würden diese alle, inklusive Staaten der ganzen Welt, Kunden von Elon Musk: eine unglaubliche Machtfülle, die jederzeit missbraucht werden könne.
«Das ist ein entscheidender Punkt. Starlink ist für SpaceX nicht bloss ein Nebenprojekt, sondern die Geldmaschine, die die teure Entwicklung der privaten Eroberung des Weltalles von Elon Musk ermöglicht. Es öffnen sich Türen zu Erpressung und Drohungen durch Musk. Im Kriegsfall müssen alle Informationen von amerikanischen Firmen der amerikanischen Regierung zur Verfügung gestellt werden.»
Musk wirke mit seinen über 11’000 Satelliten gegen alle Bemühungen um einen Klimaschutz, betonen die Vorstandsmitglieder. Je mehr Satellitenstarts, desto mehr CO₂-Freisetzung in der Atmosphäre, desto mehr Weltraumschrott, der beim Absturz verglühe und damit die schützende Ozonschicht schädige.
«Da muss man sich schon fragen, ob wir in Leuk zu solchen Projekten Hand bieten möchten. Das Gedankengut dahinter stützt sich auch auf die Philosophin und Autorin Ayn Rand.»
Ayn Rands Buch «Atlas Shrugged» (1957) war lange Zeit das meistverkaufte Buch in den USA, gleich nach der Bibel. Die Autorin plädiert in ihren Romanen und Abhandlungen für den Egoismus freier Individuen und wettert gegen Eingriffe des Staates. Laut Rand braucht es weder Steuern noch Arbeitslosengeld. Ein starker Staat verhindere die freie Entfaltung des Individuums. «Mach dein Ding. Lass dir von niemandem etwas vorschreiben. Diese libertäre und elitäre Haltung ist im Silicon Valley weitverbreitet», so Schnyder-Etienne.
Energiehunger, Geopolitik und fehlende Datensouveränität
Je länger das Gespräch am Praxistisch dauert, desto deutlicher wird: Die 40 Antennen werfen Schatten, die weit über den lokalen Standort hinausreichen.
Allein die Antennenanlage würde so viel Energie wie 400 durchschnittliche Einfamilienhäuser benötigen. Eventuell hinzukommende Rechenzentren würden Unmengen an Kühlwasser und Strom verschlingen. «Wasser, das in der Region fehlen würde», so Schnyder-Etienne.
Yvonne Schmidt warnt vor sicherheitspolitischen Gefahren: «Diese Bodenstation würde strategische Daten für globale Konflikte liefern. Damit wird Leuk im Ernstfall zu einem Ziel für kriegerische Angriffe.»
Roman Kuonen nennt weiteres Ungemach:
«Die Schweizer Behörden haben keinerlei Rechtsanspruch auf Kontrolle oder Einsicht in die Datenströme dieses US-Monopols. Ein Knopfdruck in den USA könnte die Infrastruktur stilllegen. Die Schweizer Datensouveränität wird an ein privates Imperium abgetreten.»
Durch das unübersichtliche Firmengeflecht von Elon Musk entstehe eine ungute Machtballung. «Elon Musk besitzt mit SpaceX die Technologie für die Starlink Satelliten, mit Neuralink für das Einbauen von Chips in das menschliche Gehirn und mit der künstlichen Intelligenz die Technologie zur Manipulation des Menschen. Medien wie X (Twitter) dienen überdies als Plattform möglicher Falschinformation.»
Das Argument, dass durch die Installation der Starlink-Antennen Arbeitsplätze und Steuereinnahmen geschaffen würden, lässt Roman Kuonen nicht gelten. «Wir haben es hier mit einer Firma zu tun, die sehr genau weiss, wie man Steuern minimieren kann.»
Der zähe Widerstand des Vereins zeigt erste Wirkung. Der Walliser Staatsrat hat die Notbremse gezogen: Die Dienststelle für Umweltschutz soll nun ein umfassendes Fachgutachten liefern, das die wissenschaftlichen und technischen Fragen neutral aufarbeiten soll.
Ein Etappensieg für die drei engagierten Vorstandsmitglieder in Leuk. Erstmals werden die kritischen Fragen zum Uplink und zur Streustrahlung offiziell geprüft. Frühestens im Herbst 2026 wird mit einem Studienergebnis gerechnet.
Für Kuonen, Schnyder-Etienne und Schmidt steht fest:
«Die Schweiz braucht kein überdimensioniertes Satelliten-Netz mit unabsehbaren Risiken, wenn Glasfasernetze als sicherste, strahlungsfreie und energiesparendste Alternative und Mobilfunk schweizweit und europäisch bereits vorhanden sind.»
Sie werden weiterkämpfen – im Namen der Gesundheit, der nächsten Generation, der Natur und der demokratischen Mitbestimmung.
Version française au format PDF
Source – Schutz vor Satellitenstrahlung Region Leuk – Medienberichte – Etappensieg für Verein im Kampf gegen Elon Musks «Antennen Gigantismus»
Note – LVsA added text highlights